Projekt: Jung für Alt ...  .

 

 

Die Arbeitsgemeinschaft „Jung für Alt“

 

Am Albert-Schweitzer-Gymnasium existiert seit 1997 die Arbeitsgemeinschaft „Jung für Alt“, deren Tätigkeit auf der Kooperation des Albert-Schweitzer-Gymnasiums mit dem Altenzentrum St. Josef beruht. Sie entstand aufgrund einer Anfrage aus dem nahe gelegenen Altenzentrum, ob Schüler unserer Schule bereit wären kleine soziale Dienste, wie z.B. vorlesen oder mit Senioren spazieren gehen, auf ehrenamtlicher Basis zu leisten.

 

 

 

Als ich mich in meiner Eigenschaft als Religionslehrerin dazu entschloss, diese Arbeitsgemeinschaft von der schulischen Seite aus zu betreuen, war ich zunächst skeptisch, ob es gelingen würde, dauerhaft Schüler für die o.g. Tätigkeiten in St. Josef zu motivieren, aber es war immer wieder ein Leichtes, Mitglieder für diese Gruppe, die über die Religionslehrer gezielt angesprochen wurden bzw. werden, zu gewinnen. Darüber hinaus rekrutiert sich der Nachwuchs für dieses Projekt aus interessierten Schülern, die von sich aus die Initiative ergreifen und um die Aufnahme in die Gruppe bitten.

 

Zu Beginn des Schuljahres werden die neuen Mitglieder ermittelt und dann von der Altentherapeutin im sozialen Dienst, Frau Eva Meneghini, zu einem Gespräch ins Altenzentrum  St. Josef eingeladen. Hier erhalten Sie wichtige Informationen für ihre zukünftige Tätigkeit als ehrenamtliche Mitarbeiter im Altenzentrum. Dann erfolgt die Kontaktaufnahme mit den Bewohnern oder Bewohnerinnen des Altenzentrums, die sich den Besuch junger Leute gewünscht haben – und dies ist in den meisten Fällen der Beginn einer intensiven Beziehung zwischen den Generationen. Für unsere Schüler ist es „ihr“ Bewohner, der regelmäßig besucht wird und für die Senioren sind es „ihre“ Kinder, die freudig erwartet werden und von denen mir dann bei den Treffen im Altenzentrum stolz berichtet wird. So bezeichnete eine Bewohnerin die beiden Schülerinnen, die sie besuchen, als „meine wunderbaren, lieben Mädchen“.

 

 

Es handelt sich dabei um Teenager in der Pubertät, die von Eltern und Lehrern oftmals als eine eher schwierige  Entwicklungsphase wahrgenommen wird. Diese Aussage zeigt daher, wie viel positive Qualitäten und wie viel Verantwortungsbewusstsein freigelegt werden durch dieses soziale Projekt.

 

Es stellt sich die Frage nach den Motiven dafür, dass Kinder alte Menschen besuchen, ihnen vorlesen, mit ihnen spazieren gehen, Gesellschaftsspiele spielen oder sich mit ihnen unterhalten. Die folgenden Antworten der Schüler veranschaulichen beispielhaft, warum sie ins Altenzentrum gehen: „Ich möchte auch im Alter besucht werden“,  „ich erfahre hier, dass auch ein alter Mensch ein schönes und erfülltes Leben haben kann“. Diese Zitate veranschaulichen, dass es wichtig ist, die Brücken zwischen jung und alt zu pflegen und auszubauen. Frau Meneghini und ich haben oft versucht hinter den Äußerungen der Jugendlichen noch eine tiefere Motivationsschicht zu ergründen. Den Schlüssel dazu vermittelte uns die Aussage einer Seniorin: “Ich erzähle den Kindern von früher, damit sie erfahren wie wir gelebt haben und wie hart die Zeiten oft waren.“ Das Altenzentrum ist so ein Ort gelebter Geschichte, der die Möglichkeit bietet, Abstand vom Schulalltag zu gewinnen. Zusätzlich dazu wird den Schülern das Gefühl vermittelt, dass ihre Besuche wichtig sind. Sie erhalten   so eine bedeutende Selbstbestätigung außerhalb von Schule.

 

Die Beziehungen zwischen jung und alt halten oft über Jahre, in den meisten Fällen bis zum Tod des alten Menschen. Die Schüler bleiben ihren Bewohnern treu und begleiten sie bis in den Sterbeprozess. Frau Meneghini und ich betreuen die Jugendlichen in Gesprächen und bemühen uns ihnen bei der Verarbeitung des Todes ihres Bewohners, so gut wie wir es können, beizustehen. Es ist für unsere Schüler wichtig mit zur Beerdigung ihres Bewohners zu gehen, um ihren Abschied von ihm zu nehmen. Anschließend begleiten sie Frau Meneghini ins Altenzentrum zum gemeinsamen Gespräch.

 

Aufgrund dieser Erfahrungen habe ich mir schon oft die Frage gestellt, ob wir unsere Gruppe nicht  „Jung und Alt“ nennen sollten, denn im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen die Beziehungen zwischen den Schülern und „ihren“ Bewohnern und es ist verblüffend, mit welcher Sensibilität und Treue diese über Jahre hinweg gepflegt werden.

 

 

 

Bemerkenswert ist auch die Rückwirkung des Projektes auf den Schulalltag, wenn z. B. Impulse der Nachdenklichkeit durch die Mitarbeiter der Gruppe bei Diskussionen um ethische Fragen gesetzt werden oder wenn die Klassengemeinschaft von dem Leid der Schüler berührt wird, wenn sie um „ihren“ verstorbenen Bewohner trauern.

 

„Jung für Alt“ ist eine Arbeitsgemeinschaft, die mit ihrer kontinuierlichen Beständigkeit aus dem Schulleben nicht mehr wegzudenken ist. Durch sie entstand nicht nur ein lebendiger Kontakt zwischen den Generationen,

sondern auch zwischen den Institutionen Schule und Altenzentrum, der sich z. B. darin äußert, das regelmäßige Dankeschön-Treffen für die Schüler im Altenzentrum stattfinden, Schüler unserer Schule Veranstaltungen für die Bewohner mitgestalten, Berufspraktika oder den Zivildienst in St. Josef absolvieren oder dass die Senioren Schulkonzerte besuchen.

 

Rückblickend bleibt daher zu sagen, dass die vergangenen zehn Jahre gezeigt haben, wie wichtig und fruchtbar dieses intergenerative Projekt ist, weil dadurch viele neue Impulse für jung und alt gegeben worden sind. 

 

 

Annegret Reitstetter